Author

sanja

Browsing

 

Judith Merchant – Nibelungenmord]
Knaur.
9,99  €

 

Zur Autorin:
Judith Merchant, geb. 1976, Germanistin und Dozentin für Literatur, lebt mit ihrer Familie in Königswinter am Rhein. 2008 erhielt sie für ihre Kurzgeschichte Monopoly den Friedrich-Glauser-Preis. Nibelungenmord ist Judith Merchants Romandebüt, das im sagenumwobenen Siebengebirge spielt.

Zum Inhalt:
Eine Frauenleiche – gefunden in einer sagenumwobenen Höhle des Siebengebirges, wo Siegried einst den Drachen tötete. Noch am selben Tag wird in Königswinter die Ehefrau des Notars vermisst. Hat die Geliebte des Notars, die exzentrische Künstlerin Romina, ihre Widersacherin kaltblütig ermordet? Die Bewohner von Königswinter stürzen sich gierig auf auf diesen Skandal. Kommissar Jan Seidel und seine eigenwillige Großmutter Edith müssen erkennen, dass die Lösung des Verbrechens aber weitaus komplizierter ist.

Meine Meinung:
In Königswinter wird eine Frauenleiche in einer Höhle gefunden. Zeitgleich wird die Frau des ortsansässigen, bekannten Notars Michael Sippmeyer, an ihrem 40. Geburtstag vermisst gemeldet. Es wird natürlich angenommen, dass die Tote und die Vermisste, ein- und dieselbe Person sind. Doch als Kommissar Jan Seidel und seine Kollegin Elena die Ermittlungen aufnehmen, stellt sich schnell heraus, dass die Tote eine andere Person ist, die zunächst keiner vermisst. Im weiteren Verlauf geraten Michael Sippmeyer sowie seine (un-) heimliche Geliebte, die exzentrische Künstlerin Romina Schleheck ins Visier der Ermittlungen.

Ebenfalls mit von der Partie sind Sven Sippmeyer, seineszeichens Sohn der meisst bekifft in der Ecke liegt und seine Mitschülerin Lara, in der verliebt ist.

Leider bleibt die Spannung im Roman auf der Strecke. Kommissar Jan Seidel, der mehr mit seinem Privatleben (er hat gerade eine geplatze Hochzeit zu verkraften) beschäftigt ist, als mit der Ermittlung selbst. Diese zieht sich seitenweise dahin, ohne dass die Ermittlung vonstatten geht. Ausserdem scheint er noch andere psychische Probleme zu haben, da er a. Angst vor Leichen hat und b. ständig seine Dienstwaffe verlegt. Beides in meinen Augen völlig inakzeptabel für einen Kommissar und auch nicht wirklich lustig.

Einzig Edith Herzberger, Jans Oma, bei der er vorübergehend wohnt, bringt etwas Schwung in die Geschichte und übernimmt kurzerhand selbst die Ermittlingen. Schon zu Beginn des Buches hat sie mich überrascht und überzeugt, als sie sich gegen eine böse Frau zur Wehr setzen muss, die sie im Auftrag ihrer Tochter in ein Altenheim stecken will. Herrlich diese Szene! Aber leider geht es kurz danach mit der ganzen Handlung bergab.

Am Ende wird zwar doch noch alles aufgeklärt und auch hier spielt Edith eine wichtige Rolle, denn sie hat schon früh den Knackpunkt gefunden und Miss-Marple-like ihre graue Zellen angestrengt. Sympathisch war sie mir auch, weil sie im früheren Leben eine Buchhandlung führte und aufgrund der vielen Kriminalromande, die sie gelesen hat, auf die Lösung kam.

Die übrigen Charaktere haben wenig Tiefgang und muten nicht nur an manchen Stellen merkwürdig an. Etwas mehr Ermittlungsarbeit hätte dem Kriminalroman mit Sicherheit gutgetan, obwohl die Autorin sich von der Recherche ernüchtert fühlte und sich dann für eine literarische Reduktion entschieden hat, wie sie in einem Interview mit der Autorin Aveleen Avide berichtete.

Mich hat der ganze Roman leider nicht überzeugt und ich kämpfe gerade mit mir, da es für mich tatsächlich das erste schlechtere Buch ist, das ich gelesen habe, seit ich diesen Blog betreibe.

Da die beiden „Ermittler“ Jan Seidel und Oma Herzberger aber in der Zukunft noch weitere Fälle zu klären haben, momentan schreibt die Autorin an einer Fortsetzung, werde ich mir aus reiner Neugier den nächsten Teil besorgen. Ich hoffe inständig, dass die Autorin dann etwas dazugelernt hat.

sanja

Gestern war ich auf de Lesung von Nele Neuhaus in Dortmund, die ihr neues Buch
„[amazon asin=3548283519&text=Wer Wind sät]“ vorstellte.

Die Lesung war gut besucht und soweit ich das beurteilen kann auch ausverkauft.

Um 20.15 Uhr ging es los: Nele Neuhaus wurde von einer Mitarbeiterin der Mayerschen Buchhandlung vorgestellt.

Danach erzählte Nele Neuhaus selbst einiges über sich: Wie sie zum Schreiben kam und wie sie angefangen hat ihr erstes Buch „on demand“, also im Selbstverlag zu drucken. Die Bücher wurden kurzerhand in der Garage geparkt und in der Familien-Fleischerei, die sie zusammen mit ihrem Mann führt, neben Wurst und Sonntagsbraten angeboten. Im Weihnachtsgeschäft und dank Nele Neuhaus‘ Geschäftsinn waren alle 500 Erstdrucke nach kurzer Zeit ausverkauft. Ihr Mann habe damals gedacht: „Gott sei Dank! Jetzt ist es vorbei“, erinnerte sie sich. Doch dann ging es erst richtig los: Das nächste Buch wurde bereits mit einer Auflage von 5000 Stück gedruckt und zunächst auch noch in der Garage zwischengelagert. Um dem wachsenden Ansturm der Bestellungen gerecht werden zu können, wurden kurzerhand die Auslieferfahrer mit eingespannt und lieferten neben der „Wurscht“ auch ihre Bücher an die im Umkreis liegenden Buchhändler aus. Bis eines Tages der Ullstein-Verlag auf Nele Neuhaus aufmerksam wurde und ihren mittlerweile 3. Krimi „Tiefe Wunden“ veröffentliche. Dieser erklomm auf Anhieb die Spiegel-Bestsellerliste.

Zwischendurch wurde natürlich auch aus dem neuen Kriminalfall „Wer Wind sät“ gelesen, in dem die beiden Ermittler plötzlich im Umfeld einer Bürgerinitiative ermitteln, die gegen den geplanten Bau eines Windparks kämpft. Der Roman erschien gerade erst am 13.05.11 und schoss direkt auf Platz 1 der Spiegel-Bestseller-Liste.

Was ist dran am Nele-Neuhaus-Phänomen? Sie ist wohl deshalb so erfolgreich, weil sie einfach eine von „uns“ ist. Die nette Frau von nebenan, die in ihrem Heimatstädtchen in Kelkheim auch immer noch (allerdings seltener) in der Fleischfabrik ihres Mannes mit anpackt- und weil die Tatorte direkt vor der Tür liegen. Gut, ok, jetzt nicht direkt vor meiner Tür, da ich in NRW lebe und rund 200 km dazwischen liegen. Aber gerade das Gefühl, die Personen aus den Romanen könnte man tatsächlich kennen, macht wohl den Reiz aus. Sogar die Koreaner konnten sich dem Reiz nicht entziehen. Schon „Schneewittchen muss sterben“, der 4. Teil der Taunus-Reihe wurde in 15 Sprachen übersetzt.

Alles in allem war es ein sehr schöner und informativer Abend. Bei der nächsten Lesung bin ich wieder dabei. Wenn der 6. Teil erscheint…

Leider muss ich gestehen, dass ich das neue Buch noch nicht gelesen habe, aber das wird in Kürze nachgeholt. Versprochen!

Signiert wurde zum Schluss natürlich auch noch:

 

 

Sarah Waters – Der Besucher
Lübbe
19,99 €

Zur Autorin:
Sarah Waters wurde 1966 in Wales geboren. Sie hat in englischer Literatur promoviert und zahlreiche Artikel in Kultur- und Literaturzeitschriften veröffentlicht. 1998 erhielt sie den New London Writers Award des London Arts Board. Buchveröffentlichungen, Auszeichnung mit dem Times Young Novelist of the Year Award und den Somerset Maugham Award.

Zum Inhalt:
Hundreds Hall, ein majestätisches Anwesen im ländlichen England. Hier wohnt die verwitwete Mrs. Ayres mit ihren erwachsenen Kindern Caroline und Roderick. Als der Landarzt Dr. Faraday wegen eines Notfalls herbeigerufen wird, ist er wie gebannt von der geheimnisvollen Atmosphäre des Hauses. Schon bald erfährt er, dass in Hundreds Hall merkwürdige Dinge geschehen: Möbelstücke, die ein Eigenleben führen, kryptische Zeichen, die plötzlich an den Wänden auftauchen, bedrohliche Geräusche, die unerklärbar scheinen. Dr. Faraday begegnet der wachsenden Panik der Familie zunächst mit Ruhe und Beschwichtigung. Doch das Schicksal der Ayres nimmt unaufhaltsam seinen Lauf – und ist enger mit seinem eigenen verwoben, als er ahnt …

Erster Satz:
Ich sah Hundreds Hall zum ersten mal im Alter von zehn Jahren, in dem Sommer nach Kriegsende.

Sarah Waters Roman entführt uns ins England der Nachkriegszeit. Die Menschen tragen noch schwer an den Schatten der Vergangenheit und können sich nur mühsam wieder ihr Leben einfinden. Zu Ihnen zählt die Familie Ayres: Mrs. Ayres, Witwe und Dame vom „alten Schlag“, Ihre Tochter Caroline und ihr Sohn Roderick, der die Familienangelegenheit als Oberhaupt ganz allein schultern will. Mrs. Ayres schwelgt gerne in der Vergangeheit und kann sich mit dem neuen, nicht mehr ganz so extravaganten Leben nur schwer abfinden. Caroline ist of betrübt und Roderick mit der fianziellen Angelegenheit überfordert. Auf allen lastet der Schatten dieses Hauses.

Eines Tages wird Dr. Faraday auf das Anwesen gerufen, um einen Notfall zu behandeln. Sofort ist er Feuer und Flamme für das Haus und freundet sich nach einiger Zeit mit den Ayres an. Doch schon bald fängt das Haus an, ein Eigenleben zu entwickeln. Dr. Faraday – ganz der Wissenschaftler – versucht nach einer natürlichen Ursache zu suchen, doch auch er kann das Schlimmste nicht verhindern…

Sarah Waters versteht es den Leser in ihren Bann zu ziehen. Die Geschichte ist atmosphärisch dicht und fesselt den Leser bis zur letzten Seite. Einige Passagen schleppen sich zwar etwas dahin, aber darüber kann man getrost hinwegsehen, da einfach das Gesamtpaket stimmt. Die Autorin versteht es, den Leser stets auf eine falsche Fährte zu locken und bis zuletzt lässt sie uns rätseln, was hinter alledem stecken mag.

Die düstere Atmosphäre im Haus ist regelrecht spürbar und die Beschreibungen und Vorkommnisse lassen das viktorianische Zeitalter wieder auferstehen. Man fühlt sich mittendrin gefangen in diesem Schauerroman und wandelt auf den Spuren derer, die versuchen dem Haus und seinem Fluch zu trotzen und ihrem Schicksal zu entfliehen.

Abgerundet wird dieser wundervolle Schauerroman durch die kreative Ausstattung. Selbst ohne Einband kann sich dieses Buch sehen lassen und macht mit den abgewetzten Tapeten auf dem Deckel eine gute Figur.

Für mich ein wahres Highlight und ein Leckerbissen der besonderen Art.

Von mir gibt es die volle Punktzahl = 10 von 10!