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Gil Ribeiro – Lost in Fuseta
Kiepenheuer & Witsch
389 Seiten
ISBN: 978-3-462-04887-2
14,99 €

Zum Autor:
Gil Ribeiro alias Holger Karsten Schmidt, wurde im Jahre 1965 geboren und lernte Portugal während einer Interrail-Reise kennen. Seitdem ist er oft dorthin zurückgekehrt.
In Deutschland ist er unter seinem richtigen Namen als Drehbuchautor bekannt und hat schon etliche Preise erhalten, u.a. den Adolf-Grimme-Preis für das Drehbuch zu „Mörder auf Amrum“. Er lebt und arbeitet in Baden-Würtemberg.

Worum geht es?
Leander Lost, Kriminalkommissar aus Hamburg nimmt an einem Austauschprogramm von Europol teil, bei dem die besten Ermittler eines Landes getauscht werden, um die Ermittlungsarbeit grenzüberschreitend zu fördern.  Es verschlägt ihn nach Fuseta, an die Algarve. Doch die Kollegen, Sub-Inspektorin Graciana Rosado und Sub-Inspektor Carlos Esteves sind zunächst skeptisch. Der Alemão erscheint ihnen mehr als merkwürdig, in seinem schwarzen Anzug, der sie an einen Bestatter denken lässt und sein durchdringender Blick weckt Misstrauen. Was ist sein Geheimnis? Als Lost dann auch noch das Team verpfeift, scheint die ganze Transaktion schon gescheitert zu sein, bevor sie richtig begann. Doch Leander Lost erhält Zuspruch von ungewohnter Seite: Soraia, die Schwester von Graciana hat ihn durchschaut und setzt sich für ihn ein, denn Leander Lost ist Autist und zudem ein Savant mit einem fotografischen Gedächtnis.

Meine Meinung:
Als uns das Buch auf der Frankfurter Buchmesse 2016 vorgestellt wurde, war sofort  mein Interesse geweckt. Ich finde das Thema Autismus sehr interesant, seit ich das Buch Buntschatten und Fledermäuse (Rezi) gelesen habe. Wie baut man dies nun in einen Kriminalroman ein? Wie verhält sich der Protagonist in bestimmten Situationen? Ist dies glaubwürdig? Ich kann nur sagen: Ja, mir hat es sehr gut gefallen. Ich wurde bestens unterhalten, es gab den ein oder anderen Lacher aufgrund der Situationen und der Kriminalfall an sich, rüttelt sogar noch etwas am Weltbild und regt zum Nachdenken an!
Zwar gab es auch einige Stellen, bei denen mir die Handlung zu konstruiert erschien, aber alles in allem, ist es ein solider Krimi, der sich durchaus mit anderen messen lassen kann.

Die Kulisse in Portugal, die Einwohner und ihre Eigenheiten sowie das grandiose Wetter und die Meernähe wurden einfach wundervoll wiedergegeben, sodass man direkt Lust hat, den nächsten Urlaub zu buchen. Portugal steht sowieso auf meiner Liste der nächsten Urlaube weit oben. Auch das Cover wirkt, als könnte man einfach in die Kulisse eintauchen.

Leander Lost bleiben viele menschliche Züge fremd. Er versteht keinen Sarkasmus, kann Gefühle nicht richtig deuten und er kann nicht lügen. Genau das letzte Defizit wird zu einem echten Problem. Doch nach einem holprigen Anfang, der fast das Ende des Austauschprogramms bedeutet hätte, steht sein Team hinter ihm und beginnt seine Begabung – das fotografische Gedächtnis – für die Ermittlungen zu nutzen.

Der ersten Leiche folgen natürlich weitere und das Team wird immer tiefer in diesen Fall hineingezogen. es gibt neue Fakten, doch die kann ein spanischer Kollege, der den Fall nach einem Fauxpas übernimmt, nicht teilen. Ist er vielleicht darin verwickelt?

Graciana, Carlos und Lost nehmen die Witterung auf und decken damit nicht nur einen handfesten Skandal auf, sondern lösen gleichzeitig noch einen alten Mordfall.

Symphatisch war mir auch die junge Zara: Teenager und Vollwaise – sie mischt das Ermittlertrio ordentlich auf. Das sich am Ende ausgerechnet die beiden Außenseiter zusammenraufen, war zwar abzusehen, ich hoffe aber trotzdem, dass sie in weiteren Bänden wieder auftauchen wird.

Fazit:
Die Romanfigur Leander Lost bietet reichlich Facetten und bleibt trotzdem unergründlich. Er bringt frischen Wind in die Kriminalwelt, die manches Mal ausgelutscht wirkt. Gil Ribeiro ist mit dem liebenswerten Kommissar Leander Lost ein wahrer Treffer geglückt. Oft wirkt er schräg, doch dann wartet er mit tiefgründigen Aussagen auf und überrascht sowohl seine Kollegen als auch den Leser.

sanja


Lars Kepler – Der Sandmann
Bastei Lübbe
574 Seiten
ISBN: 978-3-431-03887-3
19,99 €

Zu den Autoren:
Wer kennt sie mittlerweile nicht? Das Ehepaar Alexandra und Alexander Ahndoril, besser bekannt unter dem Namen “Lars Kepler”, die mit “Der Sandmann” ihren nunmehr vierten Kriminalroman um den verschlossenen aber scharfsinnigen Ermittler Joona Linna veröffentlicht haben.

Ich durfte den vierten Teil vorab lesen und meine Eindrücke mit anderen in der Lesejury von Bastei Lübbe teilen. Darüber habe ich mich wirklich sehr gefreut.

Das passiert:
Im nunmehr vierten Band um den finnischstämmigen Kriminalkommissar Joona Linna aus Schweden, bekommt dieser es erneut mit seinem ärgsten Gegner zu tun: Jurek Walter. Der verurteilte Serienmörder wurde vor 13 Jahren geschnappt, als er eine Frau wieder in ihren Sarg zurückstiess, in dem sie bereits zwei Jahre vor sich hin vegetierte. Einige weitere Opfer konnten damals nur noch tot geborgen werden, andere wiederum blieben für immer verschwunden.

Doch nun taucht eines der Opfer plötzlich wieder auf: Mikael Reidar-Frost wurde kurz vor Jurek Walters Verhaftung zusammen mit seiner Schwester entführt. Der stark geschwächte und unterernährte Mikael erzählt in wirren Sätzen vom Sandmann, eine Figur aus den Gute-Nacht-Geschichten, die seine deutsche Mutter den Kindern immer erzählte.

Joona Linna ist direkt alarmiert und versucht weitere Informationen aus dem jungen Mann zu bekommen, da dieser berichtet, seine Schwester würde auch noch leben. Er vermutete damals schon, das der in eine psychiatrische Klinik eingewiesene Jurek Walter, die Taten nicht alleine begangen haben konnte. Doch es liess sich kein weiterer Komplize finden und Jurek schwieg beharrlich. Das einzige, was dieser zu vermelden hatte, waren Drohungen gegen Joona’s Partner Samuel und dessen Familie. Tatsächlich verschwanden daraufhin die Tochter und die Frau von Samuel und dieser brachte sich schliesslich um, weil es keinerlei Möglichkeit gab, seine Familie je weiterzusehen. Als Jurek auch noch Joona’s Familie bedrohte, reagierte dieser schnell und liess seine Frau und Tochter in einem fingierten Autounfall sterben. In all den vergangenen 13 Jahren hatte Joona selbst keinerlei Kontakt zu seiner Familie. Gerade dies macht deutlich, mit welch einem perfiden und manipulativen Täter wir es im neuen Band zu tun haben.

Da die Zeit drängt, beschliesst die Polizei undercover zu ermitteln und schleust Saga Bauer vom Staatsschutz in die psychiatrische Abteilung ein. Allen Beteiligten ist klar, dass dies kein leichtes Unterfangen ist. Saga ist völlig  auf sich allein gestellt und ihr kann selbst im schlimmsten Falle erst nach 24 Stunden geholfen werden, da auch die Pflegeleitung nicht eingeweiht ist. Wird sie es schaffen, Jurek das Versteck des Mädchens zu entlocken, bevor es zu spät ist?

Meine Meinung:
Der neue Band steht seinen Vorgängern in nichts nach. Joona Linna und Saga Bauer sind wieder einmal in Bestform und lassen den Leser nur so durch die Seiten fliegen. Die kurzen Kapitel und die wechselnden Handlungsstränge und Schauplätze leisten ebenfalls ihren Beitrag dazu.

Die Erzählungen aus der psychiatrischen Anstalt und dieses Gefühl, den falschen Menschen ausgeliefert zu sein, lassen einem fast das Blut in den Adern gefrieren. Die brutalen Abläufe lassen nur vage erahnen, was es überhaupt heisst, in Isolation zu leben.

Auch Jurek Walter als „Moriarty par Excellence“, ist ein Gegner, der den Ermittlern immer einen Schritt voraus ist. Joona Linna und Saga Bauer müssen all ihr Können unter Beweis stellen, um hier der Lösung auf die Spur zu kommen.

Wie gewohnt erzählt das Autorenduo seine Kriminalgeschichten im Präsens, um so den Charakter eines Action-Films zu erzeugen. Was zunächst einiger „Eingewöhnungsseiten“ bedarf, ist nach einiger Zeit kaum mehr wegzudenken und gleichzeitig auch das Merkmal des erfolgreichen Duos.

Am Ende hat der Leser Antworten auf einige Fragen aus der Vergangenheit erhalten. Obwohl klar war, was nach der Auflösung passieren würde, kann ich kaum den nächsten Teil abwarten. Also bitte, liebes Ehepaar Ahndoril: Schreibt schneller!

sanja

Das Dorf der Moerder von Elisabeth Herrmann

Elisabeth Herrmann – Das Dorf der Mörder
Goldmann-Verlag
476 Seiten
978-3.442-31325-9
19,99 €

Zur Autorin:
Elisabeth Herrmann wurde im Jahre 1959 in Marburg an der Lahn geboren. Sie arbeitete als Fernsehjournalistin beim RBB, bevor sie mit ihrem Debüt „Das Kindermädchen“ den Durchbruch erlangte. Ihre Reihe um den Berliner Anwalt Vernau wurde und wird weiterhin mit Jan Josef Liefers in der Hauptrolle verfilmt. Seine Frau, Anna Loos, stand zuletzt für „Zeugin der Toten“ vor der Kamera.

Das Buch:
Im Berliner Tierpark werden im Gehege der Pekaris Leichenteile gefunden. Die alarmierten Streifenpolizisten sollen den Tatort sichern und auf die weiteren Ermittler warten. Doch die ambitionierte Polizistin Sanela Beara beginnt selbst direkt mit den Ermittlungen und unterhält sich unerlaubterweise mit einer Gruppe Kindern, die gerade im Zoo sind und als erste am Tatort waren. Sie erhält einen ersten wichtigen Hinweis. Doch kurz darauf wird sie von einem Unbekannten niedergeschlagen und stirbt fast daran.

Eine Verdächtige ist schnell festgenommen: Charlotte (Charlie) Rubin, die nicht nur die Möglichkeiten hatte, den Mord an dem Mann im Pekari-Gehege zu begehen, sondern auch das Attentat auf die Polizistin. Charlotte gibt die Tat zu, schweigt jedoch über das Motiv. Der Psychologe Prof. Dr. Brock wird daraufhin beauftragt ein Gerichtsgutachten zu erstellen. Auch für ihn macht das alles keinen Sinn. Als Charlotte versucht sich das Leben zu nehmen, macht sich Prof. Dr. Brocks junger Kollege auf, um eine Schwester von Charlotte Rubin zu suchen. Doch das Aufeinandertreffen der beiden Geschwister hat nicht den gewünschten Erfolg.

Sanela Beara wird indes immer wieder bei ihren Ermittlungen ausgebremst. Ihr Vorgesetzte will nichts davon hören, da die Ermittlungen mit der Festnahme der Verdächtigen abgeschlossen sind. Doch Sanela Beara (ich finde den Namen übrigens ganz große Klasse!) gibt nicht auf. Ihre Ermittlungen führen sie nach Wendisch Bruch, einem kleinen Dorf in Brandenburg. Hier ist Charlotte Rubin aufgewachsen, doch bereits mit 15 Jahren wegezogen. Sanela ist überzeugt, dass dort alles seinen Ursprung nahm. Das Dorf, einst ein blühendes Dorf mit Hotel und vielen Einwohnern, verfällt seit einigen Jahren zusehends. Mittlerweile leben nur noch 8 Frauen in dem Dorf, ihre Männer sind angeblich verschwunden.

Kurz darauf tifft auch der junge Psychologe Jeremy Saaler in Wendisch Bruch ein. Auch seine Ermittlungen führten ihn in dieses Dorf. Doch als Sanela beginnt, weitere Fragen stellen, kommt sie dem wahren Täter bedrohlich nahe und verschwindet kurz danach selbst von der Bildfläche. Jeremy Saaler, der den Fall von einer ganz anderen Seite aufrollt, muss selbst um sein Leben kämpfen. Wird es den beiden gelingen das Geheimnis des mysteriösen Dorfes aufzudecken?

Ganz klar, ein neues Buch von Elisabeth Hermann musste ich natürlich lesen. Ich liebe ihre Reihe um den Anwalt Vernau und auch ihr letztes Buch „Zeugin der Toten“ (die Rezi findet Ihr hier), hat mir sehr gut gefallen. Die Autorin schreibt keine Eintagsfliegen und ihre Bücher regen stets zum Nachdenken an.

Hier in diesem Buch hat die junge Streifenpolizistin Sanela Beara die Nase vorn. Eigenwillig und ohne an die Konsequenzen zu denken, treibt sie ihre Neugierde immer weiter voran. Sehr zum Missfallen ihrer Vorgesetzten. Sie unternimmt Alleingänge und gibt nicht auf und doch scheint sie allen anderen einen Schritt vorus zu sein. Aus Sanela Beara kann mit Sicherheit einmal eine sehr gute Ermittlerin werden, doch wahrscheinlich wird sie sich in Zukunft an Anweisungen halten müssen. Aber wäre das Buch nicht langweilig und schnell zu Ende gelesen, wenn es nicht durch Querdenker belebt worden wäre? Ohne sie wäre das ganze Ausmaß, die ganze Vorgeschichte nicht aufgedeckt worden.

Ebenso verhält es sich mit Jeremy Saaler. Auch er ist in gewissen Maße ein Querdenker, der eine Beziehung eingeht, die er besser bleiben gelassen hätte. Doch auch er hat das Herz am rechten Fleck und genug Mumm, um seinerseits die Ermittlungen voranzutreiben, auch wenn er aus einem ganz anderen Metier kommt.

Ich mag die beiden Protagonisten sehr. Sie gehen ihren eigenen Weg, um der Gerechtigkeit auf die Sprünge zu helfen. Sie lassen sich nicht täuschen oder vom Weg abbringen. Das ihre Ermittlungen ausgerechnet beide und völlig unabhängig voneinander in die Vergangenheit zu dem Dorf Wendisch Bruch führen, ist ein äußerst raffinierter Schachzug der Autorin.

Der Prolog, der den Leser sofort in seinen Bann zieht, spielt an einem mysteriösen Ort und ist aus Sicht eines Hundes erzählt. Hier hatte mich die Autorin schon vom ersten Abschnitt. Ich mag es überrascht zu werden mit kleinen i-tüpfelchen, die ein Buch aus der Masse heraustreten lassen und schreien: „Hier bin ich“.

Mir hat das Buch sehr gut gefallen und ich kann es nur jedem weiter empfehlen. „Das Buch der Mörder“ ist ein grandioser psychologischer Spannungsroman. Lest es! Lest einfach alle Bücher von Elisabeth Herrmann!

 

sanja